Kleben im Automobilbau: Was passiert, wenn wir die Chancen verpassen

Ein Blog von Holger Fricke, Abteilungsleiter Klebtechnik, Fraunhofer IFAM Bremen

 

Image: Kleben im Automobilbau
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Kleben im Automobilbau: Was passiert, wenn wir die Chancen verpassen

Wenn über die Zukunft des Automobilbaus diskutiert wird, stehen meist Themen wie Batterietechnologie, Software, autonome Funktionen oder neue Fahrzeugplattformen im Mittelpunkt. Die Verbindungstechnik spielt dabei selten die Hauptrolle. Dabei entscheidet sich gerade an den Schnittstellen zwischen Materialien, Funktionen und Prozessen, ob viele dieser Innovationen überhaupt realisierbar sind. Aus meiner Sicht wird die Klebtechnik deshalb in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Nicht, weil sie klassische Fügeverfahren ersetzt, sondern weil sie Anforderungen zusammenführen kann, die sich mit einzelnen oder anderen Technologien allein kaum noch lösen lassen. Ein zentraler Aspekt ist dabei aber, ob wir das Technologiepotenzial und das vorhandene Know-how konsequent nutzen.

 

Die Anforderungen wachsen – und damit die Bedeutung der Klebtechnik

Die Transformation der Automobilindustrie verändert die Aufgaben von Verbindungen grundlegend. Früher stand häufig die reine mechanische Verbindung im Vordergrund. Heute müssen Klebverbindungen oft mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen.

In modernen Batteriesystemen beispielsweise verbinden sie unterschiedliche Materialien, sorgen für die notwendige Stabilität, unterstützen das Thermomanagement, übernehmen Dichtfunktionen und tragen zur elektrischen Isolation bei. Damit wird die Verbindung selbst zum funktionalen Bestandteil des Gesamtsystems. Genau hier sehe ich die größte notwendige Veränderung im Mind-Set der Nutzer: Die Leistungsfähigkeit eines Klebstoffs entscheidet nicht über den Erfolg einer Anwendung. Das tat sie noch nie. Entscheidend ist, wie gut sich Materialien, Oberflächen, Prozesse und Funktionen zu einem robusten und prozesssicheren Gesamtsystem zusammenführen lassen.

 

Multimaterialbau braucht neue Verbindungen

Der Trend zum Multimaterialbau wird sich weiter verstärken. Aluminium, Stahl, Kunststoffe und Faserverbundwerkstoffe werden künftig noch häufiger kombiniert werden, um Gewicht, Kosten und Funktionalität optimal auszubalancieren. Diese Werkstoffe bringen sehr unterschiedliche Eigenschaften mit. Sie reagieren unterschiedlich auf Temperaturänderungen, Alterung oder mechanische Belastungen. Genau an diesen Übergängen entstehen die größten Herausforderungen. Die Klebtechnik bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Sie kann Spannungen ausgleichen, unterschiedliche Materialien verbinden und zusätzliche Funktionen integrieren. Voraussetzung ist dabei ein tiefes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Werkstoff, Oberfläche und Prozess. Die gute Nachricht: Dieses Verständnis haben wir.

 

Batterien machen Klebtechnik zur Systemaufgabe

Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Bereich der Elektromobilität.

Neue Konzepte wie Cell-to-Pack oder Cell-to-Chassis verändern die Anforderungen an die Verbindungstechnik. Klebstoffe werden dort nicht mehr nur eingesetzt, um Bauteile zusammenzufügen. Sie übernehmen gleichzeitig Aufgaben im Wärmemanagement, bei der elektrischen Isolation und beim Schutz sensibler Komponenten. Deshalb sprechen wir heute immer häufiger von Systemlösungen statt von einzelnen Klebstoffanwendungen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen und zuverlässig in industrielle Prozesse zu überführen. Es gibt genügend Beispiele, dass wir das können.

 

Deutschland hat gute Voraussetzungen

Bei Zukunftsthemen wird häufig über die Schwächen des Standorts Deutschland diskutiert. In der Klebtechnik sehe ich dagegen eine solide Ausgangsbasis.

Deutschland verfügt über eine einzigartige Kombination aus Werkstoffkompetenz, Oberflächentechnik, Simulation, Prozessentwicklung und Qualifizierung. Hinzu kommen etablierte Normen und Standards, die Klebprozesse planbar und auditierbar machen.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor sind dabei die Menschen. Gut ausgebildete Fachkräfte sind die Voraussetzung dafür, dass komplexe Anwendungen sicher umgesetzt werden können. Deshalb gewinnen Qualifizierungsprogramme und Weiterbildung weiter an Bedeutung. Sie haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen in Deutschland wissen, wie man richtig klebt – egal, wo sie im Klebprozess tätig sind.

 

Kann Klebtechnik den Automobilstandort Deutschland retten?

Diese Frage taucht immer mal wieder auf. Meine Antwort: Nein, denn keine Technologie allein, wird weder die Transformation der Branche lösen noch Deutschland automatisch wieder an die Spitze des weltweiten Automobilbaus führen. Aber sie kann einen wichtigen Beitrag leisten. Die Stärke der deutschen Industrie lag immer darin, komplexe Systeme zu verstehen und zuverlässig umzusetzen. Genau hier entfaltet die Klebtechnik ihren größten Nutzen. Sie ermöglicht es, unterschiedliche Technologien miteinander zu verbinden und anspruchsvolle Konzepte industriell beherrschbar zu machen. Damit wird sie zu einem Enabler für Innovationen. In vielen Projekten erleben wir, dass Unternehmen Klebtechnik noch immer als reine Verbindungstechnik betrachten und ihr Potenzial nicht vollständig nutzen. Wir können mehr: Alles, was wir brauchen, steht uns zur Verfügung. Wir müssen es nur nutzen und Vorbehalte abbauen.

Ein weit verbreitetes Missverständnis, auf das ich in der Praxis immer wieder stoße, ist beispielsweise, dass Klebtechnik Anwendungen komplizierter mache. Unsere Projekte und Erfahrungen zeigen das Gegenteil. Entscheidend ist der holistische Blick auf diese Verbindungstechnologie. Richtig eingesetzt reduziert Klebtechnik aus den zuvor genannten Gründen Komplexität. Die Klebprozesse werden heute beherrscht. Fortschritte in Polymerchemie, Oberflächenvorbehandlung, Automatisierung, Simulation und Qualitätssicherung ermöglichen eine hohe Prozesssicherheit.

 

Die Zukunft hat längst begonnen

Klebtechnik ist eine der ältesten Verbindungstechnologien überhaupt. Gleichzeitig gehört sie zu den dynamischsten Technologien im modernen Automobilbau. Sie unterstützt Leichtbaukonzepte, ermöglicht neue Materialkombinationen, verbessert die Integration von Funktionen und eröffnet neue Wege für nachhaltigere Produkte. Entwicklungen wie Debonding-Technologien oder recyclinggerechte Klebstoffsysteme zeigen, dass die Branche auch zukünftige Anforderungen aktiv adressiert. Deshalb lautet die entscheidende Frage heute nicht mehr, ob Klebtechnik eingesetzt werden sollte. Die entscheidende Frage ist, welches Innovationspotenzial sich durch ihren gezielten Einsatz noch erschließen lässt bzw. an welchen Entwicklungen wir nicht teilhaben, wenn wir die Klebtechnik nicht konsequent und professionell nutzen. Wenn wir diese Chancen verpassen, werden andere Märkte die Technologien, die heute bereits verfügbar sind, schneller in industrielle Wertschöpfung überführen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Klebtechnik Teil der Transformation wird, sondern wo die Wertschöpfung dieser Transformation künftig entsteht. Wer die Möglichkeiten frühzeitig erkennt und die Klebtechnik als Teil eines Gesamtsystems versteht, kann Entwicklungen beschleunigen, Prozesse vereinfachen und Wettbewerbsvorteile schaffen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die große Chance für den Automobilstandort Deutschland.

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