Ein Blog von Erik Meiß, Abteilungsleiter Weiterbildung Klebtechnik, Fraunhofer IFAM Bremen
Ein Blog von Erik Meiß, Abteilungsleiter Weiterbildung Klebtechnik, Fraunhofer IFAM Bremen
Wenn über die Zukunft der Automobilindustrie gesprochen wird, stehen häufig Technologien im Mittelpunkt. Batterien, neue Werkstoffe, automatisierte Fertigung oder digitale Entwicklungsmethoden prägen die Diskussion. Doch eine entscheidende Frage wird dabei oft unterschätzt: Wer setzt die Klebtechnik von der Produktentwicklung über Produktion und Qualitätssicherung bis zur Instandhaltung eigentlich erfolgreich um?
Die Antwort lautet: Menschen – in Kombination mit der jeweils eingesetzten Technologie.
Gerade in der Klebtechnik zeigt sich, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, technologische Möglichkeiten, Erfahrung und Wissen in sichere Prozesse und erfolgreiche Anwendungen zu überführen. Damit entwickelt sich die Qualifizierung von Fachkräften zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Moderne Klebtechnik ist eine Systemtechnologie
Die Aufgaben der Klebtechnik haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Wo früher häufig die reine Verbindungsfunktion im Vordergrund stand, übernehmen Klebverbindungen heute zahlreiche weitere Aufgaben. Sie dichten ab, leiten Wärme, isolieren elektrisch, gleichen Spannungen aus und ermöglichen die Verbindung unterschiedlichster Werkstoffe. An den eigentlichen Prozessen hat das wenig geändert, aber daran wie wir das Kleben heute verstehen bzw. verstehen müssen.
Gerade im Automobilbau führt diese Entwicklung dazu, dass Klebtechnik immer stärker als Systemtechnologie verstanden werden muss. Und dieses System braucht Menschen, die es beherrschen und effizient einsetzen können. Entlang des gesamten Klebprozesses sorgen deshalb heute qualifizierte Fachkräfte dafür, dass dieses System seine Wirkung entfalten kann. Fehlen sie, zeigt sich oft ein anderes Bild.
Die Zukunft liegt nicht nur in der technologischen Weiterentwicklung
In Gesprächen mit Unternehmen begegnet mir immer wieder dieselbe Beobachtung: Die notwendigen Technologien sind häufig vorhanden. Das Wissen über ihre sichere und wirtschaftliche Anwendung dagegen nicht immer. Dabei geht es nicht um einzelne Spezialist:innen. Moderne Klebprozesse betreffen Fachkräfte in Konstruktion, Produktion, Qualitätsmanagement, Instandhaltung und Führung gleichermaßen. Jede dieser Funktionen beeinflusst die spätere Leistungsfähigkeit einer Klebverbindung.
In der Weiterbildung erleben wir täglich, dass Klebtechnik selten an der Technologie scheitert. Herausforderungen entstehen meist dort, wo Zusammenhänge nicht ausreichend verstanden oder Prozesse nicht konsequent umgesetzt werden.
Deshalb reicht es nicht aus, nur die Technologie weiterzuentwickeln. Gleichzeitig müssen Kompetenzen aufgebaut, aktualisiert und kontinuierlich gepflegt werden. Die dafür notwendigen und international anerkannten Aus- und Weiterbildungsstrukturen stehen zur Verfügung.
Deutschland ist Vorreiter
Wir verfügen im internationalen Vergleich über eine besondere Stärke. Über viele Jahre ist hier ein System entstanden, das Forschung, Normung, industrielle Anwendung und Qualifizierung eng miteinander verbindet. Normen wie die DIN 2304 beziehungsweise die internationale ISO 21368 haben dazu beigetragen, Klebtechnik als beherrschbaren, qualitätsgesicherten und auditierbaren Prozess zu etablieren.
Parallel dazu wurden mit den Ausbildungswegen zum European Adhesive Bonder (EAB), European Adhesive Specialist (EAS) und European Adhesive Engineer (EAE) Standards geschaffen, die heute weltweit Anerkennung finden und in vielen Ländern als Vorbild dienen. Diese Entwicklung hat einen entscheidenden Vorteil geschaffen: Immer mehr Menschen wissen nicht nur, wie geklebt wird, sondern auch, warum bestimmte Prozesse notwendig sind. Die wachsende Zahl qualifizierter EAB-, EAS- und EAE-Absolvent ist deshalb ein echter Standortvorteil für Deutschland.
Batterien, Multimaterialbau und Nachhaltigkeit brauchen Kompetenz
Die aktuellen Entwicklungen im Automobilbau verdeutlichen die Anforderungen, denen sich die Branche stellen muss. Batteriesysteme, Cell-to-Pack-Konzepte oder der zunehmende Multimaterialbau führen dazu, dass immer mehr Funktionen in einer einzigen Verbindung zusammengeführt werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, Qualität und Langzeitbeständigkeit. Solche Systeme lassen sich aber nicht allein durch neue Materialien und moderne Produktionstechnik beherrschen. Sie benötigen Menschen und Unternehmen, die verstanden haben, dass Qualifizierung eine strategische Voraussetzung für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit ist. Das leisten die heutigen standardisierten Weiterbildungen, auch wenn sie manchmal als zu aufwändig empfunden werden. Die Standardisierung sorgt dafür, dass auch morgen noch erfolgreich geklebt werden kann, wenn sich Materialien und Produktionsprozesse verändern. Denn die Aus- und Weiterbildungen vermitteln – je nach Qualifizierungsstufe – ein solides Grundverständnis der Technologie und ihrer Zusammenhänge.
Die Zukunft gehört denjenigen, die Wissen in Anwendung überführen
Die Klebtechnik besitzt grundsätzlich enormes Potenzial für die Transformation der Automobilindustrie. Sie ermöglicht neue Werkstoffkombinationen, unterstützt nachhaltige Konzepte und hilft dabei, komplexe Systeme effizient umzusetzen. Ob dieses Potenzial tatsächlich genutzt wird, entscheidet sich jedoch nicht in Entwicklungsabteilungen oder Forschungseinrichtungen. Die Zukunft entscheidet sich überall im Prozess, also dann, wenn Menschen entlang der Wertschöpfungskette Technologien verstehen, Prozesse beherrschen und Wissen erfolgreich in die Praxis übertragen.
Deshalb bin ich überzeugt: Die Zukunft der Klebtechnik wird nicht allein durch neue Materialien oder neue Verfahren bestimmt. Sie wird auch durch die Menschen bestimmt, die diese Möglichkeiten erkennen und erfolgreich anwenden. Ihre klebtechnische Qualifizierung ist deshalb keine Begleitmaßnahme der Transformation. Sie entscheidet mit darüber, ob aus technologischen Möglichkeiten industrielle Realität wird.