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Wo die Klebtechnik zum Zuge kommt

Blog / 24.11.2017

Ob Frontscheiben oder Führerkabinen, vieles was in Zügen früher geschraubt oder geschweißt wurde, wird heute geklebt. Damit der Zug sicher am nächsten Zielbahnhof ankommt, überwacht Uwe Berger als verantwortliche Klebaufsichtsperson (vKAP) bei der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH im Werk Krefeld jeden Schritt zur richtigen Klebung.

© DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH
© Uwe Berger

Uwe Berger: verantwortliche Klebaufsichtsperson bei der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH Werk Krefeld Fachberatungsstelle Klebtechnik (FBS).

Mit 300 Stundenkilometern rast ein weißer ICE durch die deutsche Landschaft zwischen Köln und Frankfurt. Dreihundert Tonnen Aluminium und hundert Tonnen Glas sind über eine Länge von zweihundert Metern miteinander verbunden. Bei den hohen Geschwindigkeiten müssen die Materialien einiges aushalten: Jeder kleine Schotterstein und jeder Ast sorgen für Erschütterungen, die sich auf das ganze Fahrzeug auswirken und besonders Verbindungslinien, wie die zwischen Glas und Wagenkasten, beanspruchen. Nichts darf sich loslösen oder zu Bruch gehen – dafür sorgen Uwe Berger und die DIN 6701. Die Norm beschreibt den Stand der Technik für das fachgerechte Kleben im Schienenfahrzeugbau und hat inzwischen weltweite Anerkennung erfahren.


Vom Schweißen zum Kleben


Waren Züge vor vielen Jahren noch schwer verschraubte und überwiegend geschweißte Stahlkonstruktionen, so haben sie in den letzten Jahren eine Schlankheitskur erfahren. Glas, Kunststoffe und Leichtmetalle werden mittlerweile von Hightech-Klebungen zusammengehalten. Damit hat sich auch Bergers Beruf verändert. Er ist »Überläufer«, begann seine Karriere doch in der Schweißtechnik. Als dann die Züge schneller und damit auch leichter werden sollten, begann er sich immer stärker in die Klebtechnik hineinzubeißen. »Sich von kristallinen Strukturen der Metalle in die Polymerchemie hineinzudenken, war schon ein schwieriger Prozess«, so Berger zu seinem Werdegang. Hilfestellung gab dabei auch das Fraunhofer IFAM mit seinem »Weiterbildungszentrum Klebtechnik«, wo er u.a. auf den Bremer Klebtagen sein Wissen auch in anderen Industriebereichen der Klebtechnik erweiterte. Bei der »DB Fachberatungsstelle – Klebtechnik« stellt Uwe Berger nun einige Jahre später gemeinsam mit seinen Kollegen sicher, dass alle Werkstätten der Deutschen Bahn den Ansprüchen der Zertifizierung nach DIN 6701 genügen.


Die Qualifizierungen seiner Mitarbeiter erfolgen nach international anerkannten DVS®/EWF-Richtlinien, nach denen auch das Fraunhofer IFAM klebtechnisches Personal zertifizierend qualifiziert. Zur Vorbereitung der richtigen Schulungsinhalte und -konzepte, auch im Bereich der Faserverbundkunststoffe, wurde zunächst Feldforschung betrieben. Damit in der späteren Schulung die wirklich relevanten Themen auch für die Angestellten der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH behandelt werden, wurden Bauteile, Schulungsumgebung und Arbeitsprozesse beobachtet und analysiert. Mit der in den DVS®/EWF-Lehrgängen erworbenen Qualifikation können beispielsweise nicht nur einfache Steinschlagreparaturen an den Bugklappen der Züge in der Regel schnell und zügig vorgenommen werden. Auch kompliziertere Fälle, die eine schwierige Geometrie aufweisen oder an schwer zugänglichen Stellen verbaut sind, werden bearbeitet. Bis es jedoch soweit ist, brauchen die Mitarbeiter der DB Fahrzeuginstandhaltung eineinhalb Jahre Erfahrung.


Regelmäßige Audits sorgen für Sicherheit


Bevor eine Organisation überhaupt nach der o.g. DIN 6701 zertifiziert wird, muss eine Betriebsprüfung durchgeführt werden. In Deutschland gibt es dazu nur zwei sogenannte anerkannte Stellen, die eine solche Zertifizierung überhaupt vergeben dürfen. Eine davon ist die TBB Cert GmbH, eine Ausgründung des Fraunhofer IFAM in Bremen. Nach der erfolgreichen Betriebsprüfung erhält der Betrieb eine drei Jahre gültige Zertifizierung nach DIN 6701, die vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) anerkannt wird. Die notwendigen Zertifizierungen unterscheiden sich je nach Art der durchzuführenden Arbeiten. Diese werden gemäß DIN 6701 in Sicherheitsklassen eingeteilt, in denen z.B. das Kleben von Frontscheiben in der Bugmaske eines Zuges der höchsten Klasse (A1) entspricht. Klebungen ohne Sicherheitsanforderungen dagegen werden der niedrigsten Sicherheitsklasse (Z) zugeteilt. Ein Überwachungsaudit während der Zertifikatslaufzeit sorgt dafür, dass die Qualität im Prozess auch während der drei Jahre erhalten bleibt. Ist die Zertifizierung »abgelaufen«, muss der Betrieb diese neu beantragen. Während der gesamten Zeit führt Uwe Berger regelmäßige interne Audits durch, kontrolliert, ob die Kenntnisse und Fähigkeiten der Mitarbeiter den nötigen Vorgaben entsprechen und schickt sie, wenn eine Qualifizierung fehlt, zu einer DVS®/EWF-Weiterbildung. Diese wird vom Fraunhofer IFAM sowohl national als auch international angeboten.