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Der Zertifikatslehrgang zum Composite Engineer ist einzigartig. Er bildet den gesamten Produktlebenszyklus eines Faserverbundbauteils ab. In diesem umfassenden Weiterbildungsangebot, das vom Weiterbildungszentrum Faserverbundwerkstoffe am Fraunhofer IFAM koordiniert wird, bündeln sich die Kompetenzen der Fraunhofer-Allianz Leichtbau rund um das Themengebiet Faserverbundwerkstoffe: Die Expertise von neun Fraunhofer-Instituten ist in die Lehrinhalte eingeflossen. Prof. Dr. Andreas Büter, Leiter der Fraunhofer-Allianz Leichtbau, erklärt, welchen Mehrwert der modulare Aufbau des Lehrgangs bietet und warum die Fraunhofer-Allianz Leichtbau sich dabei mit einem Bienenschwarm vergleicht.

© Fraunhofer LBF/ Piotr Banczerowski
Prof. Dr. Andreas Büter, Leiter der Fraunhofer-Allianz Leichtbau

Warum braucht es einen Lehrgang zum Composite Engineer? Was ist das Einzigartige an diesem Weiterbildungsangebot?

Prof. Dr. Andreas Büter: Die Idee, einen Lehrgang wie den Composite Engineer anzubieten, entstand aufgrund verschiedener Anfragen aus der Industrie. Viele der Ingenieure kommen ursprünglich aus dem Maschinenbau und sind sozusagen von Natur aus metal-minded: In ihren Branchen und Tätigkeitsbereichen hatten sie bisher nur mit Metall zu tun. Durch den Faserverbund-Leichtbau gibt es seit einigen Jahren neue Anforderungen an die produzierende Industrie. Viele Teilnehmer fragen sich nun, ob die Komponenten, die zuvor in Metall realisiert wurden, auch in Faserverbunden umgesetzt werden können, welche Vorteile sie bringen und welche Achtungspunkte berücksichtigt werden müssen. Wir als Forschungsinstitution haben den Anspruch, dabei auch immer neuste Erkenntnisse in die Kurseinhalte mit einzubringen. Der Composite Engineer ist der einzige Lehrgang, der dieses Fachwissen umfänglich vermittelt und mit einem Zertifikat abgeschlossen werden kann.

Welchen Mehrwert hat die Zertifizierung für die Teilnehmer?

 

Das Zertifikat erhalten die Teilnehmer nach erfolgreicher Abschlussprüfung, die auf Grundlage der international gültigen DIN EN ISO/IEC 17024 durchgeführt wird. Diese Norm gibt zum Beispiel vor, dass die Prüfung vor einer unabhängigen, nicht in der Weiterbildung involvierten Prüfungskommission abgelegt wird. Das garantiert Transparenz und Objektivität und damit eine hohe Wertigkeit des Abschlusses. Es wird also nicht irgendetwas geprüft, sondern genau das, was im Lehrgang vermittelt wurde: direkt anwendbares State-of-the-art-Wissen zum Thema Faserverbundwerkstoffe.

 

Der Composite Engineer bildet den gesamten Produktlebenszyklus eines Faserverbundbauteils ab. Gleichzeitig bringen die Teilnehmer ja ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Wie kann das in einem einzigen Lehrgang abgebildet werden?

 

Der Lehrgang beginnt mit einem Grundlagenmodul. Dabei lernen die Teilnehmer zunächst, was Faserverbunde sind, welche Faser- und Matrixsysteme es gibt und was sie ausmacht bzw. wie man sie auswählt. Sie erhalten damit ein Grundverständnis für die Besonderheiten und Möglichkeiten von Faserkunststoffverbunden. Die vier darauffolgenden Basismodule vertiefen das Fachwissen in den Bereichen Material, Fertigungsverfahren, Bearbeitung und Fügeverfahren. Die Teilnehmer lernen, wie Material und Komponenten aufgebaut sind und verarbeitet werden können und was es besonders zu beachten gilt.

 

Da die Lehrgangsteilnehmer aus den unterschiedlichsten Firmen, Branchen und Positionen kommen, sind besonders die Aufbaumodule wichtig. Gemäß eigenem Kenntnisstand und Tätigkeitsfeld kann hier jeder Teilnehmer vier Module auswählen, die für ihn am sinnvollsten sind. Ingenieure, die bisher immer alle Komponenten aus Metall gefertigt haben, können hier lernen, wann auch Faserbundwerkstoffe sinnvoll sein können und wie sie zu bearbeiten sind. Für diejenigen, die Bauteile hinsichtlich verschiedener Merkmale bewerten müssen, bieten sich eher Module zu Berechnungsverfahren und zur zerstörungsfreien Prüfung an. So kann sich jeder ganz individuell das Fachwissen aneignen, das er benötigt.

 

Und dann sind die Module ja auch noch einzeln buchbar.

 

Genau, so könnte es zum Beispiel für Personen aus dem Management interessant sein, nur das Grundlagenmodul zu besuchen und sich Basiswissen anzueignen, das sie als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen nutzen können.

 

Welche Rolle spielt die Fraunhofer-Allianz Leichtbau bei der Konzeption und Umsetzung des Composite Engineers? Provokant gefragt: Kann man nicht einfach direkt mit den einzelnen Fraunhofer-Instituten zusammenarbeiten?

 

Die Fraunhofer-Allianz Leichtbau ist wie ein Bienenschwarm. Die Module werden von einzelnen Instituten verantwortet und betreut: Das Modul zur zerstörungsfreien Prüfung von Faserverbundbauteilen wird zum Beispiel vom Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren IZFP betreut, die mechanische Auslegung einer Faserverbundkomponente vom Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM und dem Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF. Jede Biene macht das, was sie am besten kann und sucht sich dort, wo es sinnvoll ist, Unterstützung von anderen.  Die Fraunhofer-Allianz Leichtbau kann aus diesen Einzelexpertisen einen Bienenschwarm, also ein großes Ganzes machen. Im Prinzip ist das ein Service für die Teilnehmer der Weiterbildungsangebote: Ein Bienenschwarm ist größer und kann mehr erreichen. Jedes Institut gibt seine Kernkompetenzen mit in den Topf, die Fraunhofer-Allianz Leichtbau koordiniert den Gesamtzusammenhang und damit das inhaltliche Gesamtkonzept des Lehrgangs. Nur so können wir dem Anspruch gerecht werden, den gesamten Produktlebenszyklus eines Faserverbundbauteils abzubilden, ohne dabei auf die fachliche Tiefe der einzelnen Themengebiete verzichten zu müssen.

 

Die einzelnen Module finden direkt an den jeweiligen Instituten statt. Warum?

 

Die Forschungseinrichtungen der Institute sind natürlich bestens für das jeweilige Fachgebiet ausgestattet. Beim Fraunhofer LBF haben wir eine Vielzahl an Prüfeinrichtungen, um Bauteile zerstörend auf ihre Festigkeit hin zu untersuchen. Die Module zu zerstörungsfreien Prüfverfahren sind aber besser am Fraunhofer IZFP aufgehoben. Die Kursleiter, die ebenfalls direkt aus dem jeweiligen Institut stammen, können so vor Ort die verschiedenen Prüfmethoden, Beschichtungsverfahren, etc. direkt zeigen. Damit garantieren wir Praxisnähe und können die Kursinhalte auf aktuelle Forschungsergebnisse und die akuten Herausforderungen in den jeweiligen Unternehmen der Teilnehmer anpassen.

 

Vielen Dank für das Interview!